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One reconstruction tagged with "Moore"

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G. E. Moores Argument der offenen Frage ist eines der bedeutendsten Argumente des 20. Jahrhunderts im Bereich der Ethik. Zahlreiche Philosophen haben über dieses Argument nachgedacht, es auf unterschiedliche Weise rekonstruiert, kritisiert und bewertet. In der folgenden Rekonstruktion wird Moores Gedankengang in der Principia Ethica als ein Argument für die These, dass der Begriff „gut” nicht durch einen beschreibenden Ausdruck definierbar ist, verstanden. In dem Kommentar der Rekonstruktion zeigen sich potentielle Schwächen des Arguments in dieser Form, die unter anderem damit zu tun haben, was wir unter analytischen Definitionen verstehen. Der Kommentar berücksichtigt auch den Einwand eines möglichen Zirkelschlusses. Meistens wird das Argument der offenen Frage als ein Argument für den moralischen Intuitionismus („Non-Naturalism”) verstanden. In der vorgetragenen Rekonstruktion wäre die Konklusion allerdings auch mit dem moralischen Nihilismus verträglich. Insgesamt bietet die folgende Interpretation eine erste Erkundung von Moores Gedanken, die die interpretatorische Flexibilität im Text der Principia Ethica anerkennt.

Bibliographische Angaben

G. E. Moore, Principia Ethica, Cambridge University Press: Cambridge 1903, §13. [Project Gutenberg]

Textstelle

The hypothesis that disagreement about the meaning of good is disagreement with regard to the correct analysis of a given whole, may be most plainly seen to be incorrect by consideration of the fact that, whatever definition may be offered, it may always, be asked, with significance, of the complex so defined, whether it is itself good. To take, for instance, one of the more plausible, because one of the more complicated of such proposed definitions, it may easily be thought, at first sight, that to be good may mean to be that which we desire to desire. Thus if we apply this definition to a particular instance and say “When we think that A is good, we are thinking that A is one of the things which we desire to desire,” our proposition may seem quite plausible. But, if we carry the investigation further, and ask ourselves “Is it good to desire to desire A?” it is apparent, on a little reflection, that this question is itself as intelligible, as the original question, “Is A good?”—that we are, in fact, now asking for exactly the same information about the desire to desire A, for which we formerly asked with regard to A itself. But it is also apparent that the meaning of this second question cannot be correctly analyzed into “Is the desire to desire A one of the things which we desire to desire?”: we have not before our minds anything so complicated as the question “Do we desire to desire to desire to desire A?” Moreover any one can easily convince himself by inspection that the predicate of this proposition—”good”—is positively different from notion of “desiring to desire” which enters into its subject: “That we should desire to desire A is good” is not merely equivalent to “That A should be good is good.” It may indeed be true that what we desire to desire is always good; perhaps, even the converse may be true: but it is very doubtful whether this is the case, and the mere fact that we understand very well what is meant by doubting it, shews clearly that we have two different notions before our mind.

Argumentrekonstruktion

Die zitierte Textstelle kann auf unterschiedliche Weise ausgelegt werden und vorangehende und folgende Textstellen der Principia Ethica können angeführt werden, um verschiedene Interpretationen zu unterstützen. Es scheint aber, dass Moores Grundgedanke sich als Schluss aus zwei Prämissen auf die Konklusion, dass der Ausdruck „gut” nicht anhand eines beschreibenden Ausdrucks X definierbar ist, rekonstruieren lässt.

  1. Wenn der Ausdruck „gut” anhand eines beschreibenden Ausdrucks X (z.B. „etwas, was wir begehren zu begehren”) definierbar wäre, dann wäre die Frage „A ist X, aber ist A auch gut?” nicht offen.
  2. Die Frage „A ist X, aber ist A auch gut?” ist aber offen.

  1. Der Ausdruck „gut” ist nicht anhand eines beschreibenden Ausdrucks definierbar.

Kommentar

Die obige Rekonstruktion von Moores Argumentation folgt dem modus tollens Schema (Wenn p, dann q; es ist aber nicht der Fall, dass q; also ist p nicht der Fall) und ist deswegen gültig. Das bedeutet, dass die Wahrheit der Prämissen die Wahrheit der Konklusion nach sich zieht. Ob das Argument auch schlüssig bzw. stichhaltig ist, hängt davon ab, ob die Prämissen auch wirklich wahr sind, beziehungsweise, ob wir gute Gründe dafür haben anzunehmen, dass die Prämissen wahr sind.

Um die Frage anzugehen, ob Prämisse 1 wahr ist, ist es sinnvoll zunächst einen anderen Fall zu betrachten. Der Ausdruck „Junggeselle” ist anhand des Ausdrucks „unverheirateter Mann” definierbar. Weil dem so ist, wäre die Frage „Alex ist ein unverheirateter Mann, aber ist Alex auch ein Junggeselle?” in gewisser Weise unsinnig. Wenn jemand diese Frage stellen würde, könnten wir mit Recht erwidern, dass diese Person den Ausdruck „Junggeselle” nicht versteht. Mit anderen Worten: Die Frage, ob Alex Junggeselle ist, ist für alle, die den Ausdruck „Junggeselle” verstehen, und die wissen, dass Alex ein unverheirateter Mann ist, abgeschlossen. Etwas allgemeiner ausgedrückt: Wenn X und Y dasselbe bedeuten, so könnte man vermuten, müssen alle Fragen der Art „A ist X, aber ist A auch Y?” abgeschlossen sein. Aus diesem Grund scheint es zunächst plausibel anzunehmen, dass Prämisse 1 wahr ist.

Um nun Prämisse 2 anzugehen, ist es sinnvoll eines von Moores Beispielen anzuführen. Es scheint so zu sein, dass eine Frage wie „Genuss ist etwas, was wir begehren zu begehren, aber ist Genuss auch gut?” nicht in obigem Sinne unsinnig ist. Wenn jemand solch eine Frage stellen würde, könnten wir nicht einfach erwidern, dass die Person den Ausdruck „gut” nicht versteht. Es erscheint außerdem zunächst nicht unplausibel, dass jede Frage, die dem Schema „A ist X, aber ist A auch gut?” folgt, in diesem Sinne offen ist. Leser*innen können selbst verschiedene Möglichkeiten ausprobieren das Schema auszufüllen. Es muss aber angemerkt werden, dass Ausdrücke, die nicht beschreibend, sondern wertend sind, eventuell solch eine Frage schließen können. Die Frage „A ist weder schlecht noch neutral, aber ist A auch gut?” scheint tatsächlich im obigen Sinne unsinnig zu sein. Aber wir haben zunächst gute Gründe anzunehmen, dass Prämisse 2 hinsichtlich beschreibender Ausdrücke wahr ist.

Bei genauerer Betrachtung zeigen sich allerdings erhebliche Schwächen in der hier präsentierten Rekonstruktion des Arguments der offenen Frage. Dies heißt nicht zwangsläufig, dass Moores Gedankengang fehlerhaft ist. Die angeführte Textstelle lässt viel Interpretationsspielraum zu und die angeführte Rekonstruktion sollte daher nur als eine erste Annäherung, welche durch die folgenden kritischen Überlegungen ergänzt werden kann, betrachtet werden.

Bezüglich Prämisse 1 ist zunächst anzumerken, dass es selbstverständlich Fälle gibt, in denen X und Y zwar in gewissem Sinne dasselbe bedeuten, die Frage „A ist X, aber ist A auch Y?” aber offenbleibt. Dies ist zum Beispiel immer der Fall, wenn X und Y, wie Frege sagen würde, bloß dasselbe bedeuten, aber nicht denselben Sinn haben. Nehmen wir als Beispiel die Ausdrücke „Batman” und „Bruce Wayne”. Superheldenfans wissen natürlich, dass Batman Bruce Wayne ist. Insofern, dass „Batman” und „Bruce Wayne” sich auf dieselbe Person beziehen, lässt sich dann sagen, dass diese beiden Ausdrücke dasselbe bedeuten. Allerdings haben die Ausdrücke „Batman” und „Bruce Wayne” einen unterschiedlichen Sinn. Dies zeigt sich genau dadurch, dass für jemanden, der zwar den Ausdruck „Batman” versteht, der aber nicht weiß, dass Batman Bruce Wayne ist, die Frage „Der dunkle Ritter ist Batman, aber ist der dunkle Ritter Bruce Wayne?” nicht abgeschlossen ist. Wir könnten zu jener Person nicht sagen, dass sie den Ausdruck „Bruce Wayne” nicht versteht.

Es ließe sich zweierlei erwidern. Zunächst können wir darauf hinweisen, dass Moore in dem obigen Text von analytischen Definitionen zu sprechen scheint. Analytische Definitionen sind, grob gesagt, begriffliche Wahrheiten. „Junggesellen sind unverheiratete Männer” ist analytisch. Das vermeintliche Gegenbeispiel „Batman ist Bruce Wayne” scheint dagegen nicht analytisch zu sein. Dies ließe sich unter anderem daran zeigen, dass wir nicht allein durch Nachdenken über den Begriff „Batman” herausfinden könnten, dass Batman Bruce Wayne ist. Wenn dem so wäre, hätte Batman es nicht nötig sich zu maskieren.

Nun ist es aber so, dass selbst analytische Wahrheiten nicht zwangsläufig offensichtlich sein müssen. Ist es nicht so, dass Philosophen, besonders in der analytischen Tradition, bestrebt sind, analytische Wahrheiten zu enthüllen, die nicht offensichtlich sind? Wären alle analytischen Wahrheiten so offensichtlich wie „Junggesellen sind unverheiratete Männer” hätten wir Philosophen wenig zu tun. Es könnte also durchaus sein, dass „gut” anhand von einem beschreibenden Ausdruck wie „etwas, was wir begehren zu begehren” analytisch definiert werden kann, dass die Antwort auf die Frage „Genuss ist etwas, was wir begehren zu begehren, aber ist Genuss auch gut?” aber trotzdem nicht offensichtlich ist und in diesem Sinne offenbleibt.

Bezüglich Prämisse 2 ist anzumerken, dass Kritiker des Arguments der offenen Frage hier einen Zirkelbeweis oder eine petitio principii anmahnen könnten. Mit anderen Worten, es könnte angemahnt werden, dass wir nur Grund haben anzunehmen, dass die Frage „A ist X, aber ist A auch gut?” offen ist, wenn wir bereits an die Konklusion glauben. Kritiker könnten zumindest bemängeln, dass die obige Rekonstruktion von Moores Gedankengang ungenügend in dem Sinne ist, dass eine von der Konklusion unabhängige Begründung von Prämisse 2 nicht direkt ersichtlich ist.

Abschließend sollte erwähnt werden, dass die Konklusion der obigen Rekonstruktion verschiedene mögliche Implikationen hat. G. E. Moore selbst verstand seinen Gedankengang als eine Argumentation dafür, dass die Qualität des Gutseins zwar eine reale, aber keine natürliche Qualität ist. Zumindest in der obigen Konstruktion ist die Konklusion des Arguments der offenen Frage aber durchaus auch mit anderen Implikationen verträglich. Es wäre zum Beispiel auch denkbar, dass der Ausdruck „gut” nicht anhand eines beschreibenden Ausdrucks definierbar ist, weil die Qualität des Gutseins nicht real ist. Mit anderen Worten, die obige Rekonstruktion des Arguments der offenen Frage kann auch als hinführendes Argument für den moralischen Nihilismus verstanden werden.

Literaturangaben

Frege, G. (1892). Über Sinn und Bedeutung. In M. Beaney (Ed.), The Frege Reader. Blackwell.

Smith, M. (1995). The Moral Problem. Blackwell.

Van Roojen, M. S. (2015). Metaethics: A Contemporary Introduction (First edition). Routledge, Taylor & Francis Group.