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Eine zentrale Frage des Problems des freien Willens ist, ob der Determinismus mit Willensfreiheit vereinbar ist: Kann es zugleich sein, dass die Vergangenheit zusammen mit den Naturgesetzen eine einzige Zukunft bestimmt und wir trotzdem fähig sind, anders zu handeln? Das Standardargument gegen die Kompatibilität von Willensfreiheit und Determinismus ist das Konsequenzargument: Wenn der Determinismus wahr ist, dann sind unsere Handlungen die Konsequenzen der Naturgesetze und der Vergangenheit. Aber es liegt nicht an uns, was die Naturgesetze sind oder was in der fernen Vergangenheit geschah. Also liegt es auch nicht an uns, was die Konsequenzen der Naturgesetze und fernen Vergangenheit sind -- einschließlich unserer Handlungen. Die wohl einflussreichsten Varianten des Arguments legte Peter van Inwagen vor. Im Folgenden rekonstruiere ich die m. E. bis dato beste seiner Varianten sowie die wichtigsten Erwiderungen.

Bibliographische Angaben

Van Inwagen, Peter. 2017c. „Freedom to Break the Laws“. In Thinking about Free Will, von Peter van Inwagen. Cambridge University Press. DOI: 10.1017/9781316711101.

Textstelle

Das Konsequenzargument ist das Standardargument für den Inkompatibilismus (van Inwagen 2017d, 161);1 sein einleuchtender Grundgedanke lautet:

If determinism is true, then our acts are the consequences of the laws of nature and events in the remote past. But it is not up to us what went on before we were born, and neither is it up to us what the laws of nature are. Therefore, the consequences of these things (including our present acts) are not up to us. (van Inwagen 1983, 56)

In An Essay on Free Will legt Peter van Inwagen (1983, 56--58) die wohl wichtigsten Varianten des Konsequenzarguments vor: eine erste Variante, die recht komplex ist, aber in der Willensfreiheitsdebatte übliches Vokabular verwendet; eine zweite Variante, die recht einfach ist, aber unübliches Vokabular verwendet; und eine dritte Variante, die besondere modale Prinzipien einsetzt.

Ich werde die erste Variante rekonstruieren. Bevor ich zur Rekonstruktion komme, werde ich (i.) die Begriffe, die im Argument eine Rolle spielen, in van Inwagens Sinne definieren und (ii.) van Inwagens (2017c, 139--48) jüngste und einfachste Darstellung der ersten Variante des Konsequenzarguments wiedergeben, die er in Freedom to Break the Laws vorträgt.2

(Zu i.) Kompatibilismus ist die These, dass Willensfreiheit und Determinismus vereinbar sind; Inkompatibilismus ist die These, dass Willensfreiheit und Determinismus nicht kompatibel sind (van Inwagen 2017d, 152). Während besonders ‚Willensfreiheit‘ und ‚Determinismus‘ verschieden verwendet werden, werde ich zur Rekonstruktion des Arguments van Inwagens beide Begriffe sowie ‚Vereinbarkeit‘ nun so definieren, wie er sie verwendet.

Determinismus oder, genauer, Prädeterminismus ist die These, dass die Vergangenheit und die Naturgesetzte eine einzige Zukunft bestimmen oder, genauer, strikt implizieren. Van Inwagen (2017d, 151) selbst spricht zwar vom Determinismus, mit Lewis (1986a, 291) ist es aber noch genauer vom Prädeterminismus zu sprechen, weil es nur um eine Bestimmung der Zukunft durch die Vergangenheit geht, aber nicht umgekehrt; ich werde gleich dazu kommen, was es heißt, dass eine erste Proposition eine zweite strikt impliziert.

Willensfreiheit ist die These, dass jemand im relevanten Sinne fähig ist, anders zu handeln (van Inwagen 2017d, 151, 2017a, 225).3 Um zu erklären, was unter dem relevanten Sinn zu verstehen ist, sei auf einen Fall als Paradigma verwiesen:

Early last January, Sally was admitted both to Julliard to study piano and to the Harvard Law School. At that time she wanted very much to become a concert pianist (for reasons of personal fulfillment). She also wanted very much to become a lawyer (in this case, her reasons were moral and political). She spent the month of January trying to decide whether to study piano at Julliard or law at Harvard (or, more immediately, whether to accept the Julliard offer and decline the Harvard offer or to accept the Harvard offer and decline the Julliard offer). (van Inwagen 2017f, 198)

Der relevante Sinn ist der, in dem eine Person wie Sally während ihrer Überlegungen davon ausgeht, zugleich fähig zu sein, eine Handlung auszuführen, und fähig zu sein, die Handlung nicht auszuführen.4

Zur Definition von ‚Vereinbarkeit‘ und ‚strikte Implikation‘ ist metaphysische Modalität nötig. Metaphysische Notwendigkeit ist die stärkste (weiteste und grundlegende) Art von objektiver Notwendigkeit (im Unterschied zu epistemischer, doxastischer, deontischer und teleologischer; Williamson 2016); über sie können ‚metaphysische Möglichkeit‘, ‚Kompatibilität‘ und ‚strikte Implikation‘ wie folgt definiert werden:

  • Metaphysisch notwendig: Eine Proposition ist metaphysisch möglich genau dann, wenn es nicht metaphysisch notwendig ist, dass die Proposition nicht der Fall ist.

  • Metaphysisch notwendig: Eine erste Proposition ist mit einer zweiten kompatibel genau dann, wenn es metaphysisch möglich ist, dass die erste und die zweite der Fall sind (van Inwagen 2017b, 189n14).

  • Metaphysisch notwendig: Eine erste Proposition impliziert eine zweite strikt genau dann, wenn es metaphysisch notwendig ist, dass die erste die zweite impliziert (van Inwagen 2017c, 143n20, 1983, 59).

(Zu ii.) Vor dem Hintergrund der so definierten Begriffe komme ich nun zu van Inwagens erster Variante des Konsequenzarguments, wie er sie in Freedom to Break the Laws präsentiert:

„The argument begins with the story of a judge (J) who did not raise his hand at a certain moment (T) when his doing so would have prevented a prisoner‘s being put to death.“ (van Inwagen 2017c, 140) „L is the conjunction of all laws of nature into a single proposition“ (van Inwagen 2017c, 141); „strict implication is my entailment“ (van Inwagen 2017c, 143n20).

L conjoined with the whole truth about the past strictly implies every truth (that is to say: everything that is so is predetermined to be so)

and

J did not raise his hand at T but was able to raise his hand at T

jointly entail

J was able to arrange things in a way such that he was predetermined not to arrange things in that way.

Let us call this the Trivial Entailment (since it is “uninstructive” to be informed that it holds). Let us give the name ‘the Antecedent’ to the conjunction of determinism (‘L conjoined with the whole truth about the past strictly implies every truth’) and the thesis that J did not raise his hand at T but was able to raise his hand at T.

Now consider the following argument for incompatibilism, which takes the Trivial Entailment as its starting point:

Here is another way of stating the Trivial Entailment: the Antecedent entails

J was able to arrange things in a way such that L conjoined with the whole truth about the past strictly implies that he did not arrange things that way.

It follows that the Antecedent entails

J was able to arrange things in a way such that his arranging things in that way conjoined with the whole truth about the past strictly implies the falsity of L.

And no one has this ability. No one could possibly have this ability. But the Antecedent entails that J has this ability, and the Antecedent is a possible state of affairs if free will and determinism are compatible. It follows that free will and determinism are not compatible. (van Inwagen 2017c, 143--44)

Argumentrekonstruktion

Das Argument hat zwei Prämissen und eine Konklusion: erstens die Prämisse, die van Inwagen ‚triviale strikte Implikation‘ (‚Trivial Entailment‘) nennt, dass die Konjunktion aus Willensfreiheit und Determinismus eine gewisse Fähigkeit strikt impliziert; zweitens die Prämisse, die ‚Unmöglichkeitsthese‘ genannt werden kann, dass die Fähigkeit, die die Konjunktion von Willensfreiheit und Determinismus strikt impliziert, metaphysisch unmöglich ist; drittens die Konklusion, die ‚Inkompatibilismus‘ genannt wird, dass die Konjunktion aus Willensfreiheit und Determinismus metaphysisch unmöglich ist. Im Folgenden rekonstruiere ich (I.) die erste Prämisse, die triviale strikte Implikation, (II.) die zweite Prämisse, die Unmöglichkeitsthese, und (III.) die Konklusion, den Inkompatibilismus, um (IV.) schließlich die drei Propositionen zur Rekonstruktion des Konsequenzarguments zusammenzuführen.

Für meine Rekonstruktion mache ich folgende Festlegungen: Sei Z ein gewisser Zeitpunkt (z. B. 8.9.1966), P eine gewisse Person (z. B. Peter), H ein gewisser raum-zeitlich bestimmter Handlungstyp (z. B. Handheben am 18.3.1974 in New York), G die Konjunktion aller Naturgesetze in einer einzigen Proposition und V zu Z die gesamte Wahrheit über die Vergangenheit zu Z (van Inwagen 2017c, 141--43).

(Zu I.) Seine erste Prämisse, die triviale strikte Implikation, drückt van Inwagen wie folgt aus:

  • „L is the conjunction of all laws of nature into a single proposition“ (van Inwagen 2017c, 141).

  • [S]trict implication is my entailment“ (van Inwagen 2017c, 143n20).

  • „Let us give the name ‘the Antecedent’ to the conjunction of determinism (‘L conjoined with the whole truth about the past strictly implies every truth’) and the thesis that J did not raise his hand at T but was able to raise his hand at T.“ (van Inwagen 2017c, 144)

  • [T]he Antecedent entails J was able to arrange things in a way such that L conjoined with the whole truth about the past strictly implies that he did not arrange things that way.“ (van Inwagen 2017c, 144)

Vor diesem Hintergrund rekonstruiere ich die triviale strikte Implikation wie folgt:

(a) Metaphysisch notwendig: Wenn P zu Z im relevanten Sinne fähig ist, H auszuführen, und es zu Z prädeterminiert ist, dass P H nicht ausführt, dann ist P zu Z im relevanten Sinne fähig, H auszuführen, und G und V zu Z implizieren strikt, dass P H nicht ausführt.

Vereinfachend lässt sich (a) metaphysisch notwendig äquivalent umformen zu (1), meiner Rekonstruktion der ersten Prämisse:5

(1) Metaphysisch notwendig: Wenn es zu Z prädeterminiert ist, dass P H nicht ausführt, dann implizieren G und V zu Z strikt, dass P H nicht ausführt.

(Zu II.) Seine zweite Prämisse, die Unmöglichkeitsthese, drückt van Inwagen wie folgt aus:

  • „L is the conjunction of all laws of nature into a single proposition“ (van Inwagen 2017c, 141).

  • [T]he Antecedent entails J was able to arrange things in a way such that his arranging things in that way conjoined with the whole truth about the past strictly implies the falsity of L. And no one has this ability. No one could possibly have this ability.“ (van Inwagen 2017c, 144)

Vor diesem Hintergrund rekonstruiere ich die Unmöglichkeitsthese wie folgt:

(b) Metaphysisch unmöglich: P ist zu Z im relevanten Sinne fähig, H auszuführen, und, dass P H ausführt, und V zu Z implizieren strikt, dass G nicht der Fall ist.

Vereinfachend lässt sich (b) metaphysisch notwendig äquivalent umformen zu (2), meiner Rekonstruktion der zweiten Prämisse:6

(2) Metaphysisch notwendig: Wenn G und V zu Z strikt implizieren, dass P H nicht ausführt, dann ist P zu Z nicht im relevanten Sinne fähig, H auszuführen.

(Zu III.) Seine Konklusion, den Inkompatibilismus, drückt van Inwagen schließlich wie folgt aus:

  • „It follows that free will and determinism are not compatible.“ (van Inwagen 2017c, 144)

Vor diesem Hintergrund rekonstruiere ich den Inkompatibilismus wie folgt:

(c) Metaphysisch unmöglich: P ist zu Z im relevanten Sinne fähig, H auszuführen, und es ist zu Z prädeterminiert, dass P H nicht ausführt.

Vereinfachend lässt sich (c) metaphysisch notwendig äquivalent umformen zu (3), meiner Rekonstruktion der Konklusion:7

(3) Metaphysisch notwendig: Wenn es zu Z prädeterminiert ist, dass P H nicht ausführt, dann ist P zu Z nicht im relevanten Sinne fähig, H auszuführen.

(Zu IV.) Insgesamt ergibt sich folgende Rekonstruktion des Arguments.8

(1) Metaphysisch notwendig: Wenn es zu Z prädeterminiert ist, dass P H nicht ausführt, dann implizieren G und V zu Z strikt, dass P H nicht ausführt.

(2) Metaphysisch notwendig: Wenn G und V zu Z strikt implizieren, dass P H nicht ausführt, dann ist P zu Z nicht im relevanten Sinne fähig, H auszuführen.


(3) Also: Metaphysisch notwendig: Wenn es zu Z prädeterminiert ist, dass P H nicht ausführt, dann ist P zu Z nicht im relevanten Sinne fähig, H auszuführen.

Kommentar

Das Argument ist deduktiv gültig. Prämisse (1) ist wahr per Definition; denn (1) folgt aus der Definition des Prädeterminismus, die stipulativ ist: Die Definition des Prädeterminismus soll nicht zu einer früheren Verwendung des Begriffs passen, sondern postuliert lediglich, welche Bedeutung ‚prädeterminiert‘ im Kontext des Konsequenzarguments hat (Gupta und Mackereth 2023; Carnap 1952) -- eben deshalb nennt van Inwagen seine erste Prämisse ‚trivial‘. Also ist das Argument genau dann schlüssig, d. h. hat nur wahre Prämissen und ist deduktiv gültig, wenn (2) wahr ist.

Die Wahrheit von (2) ist umstritten. Das wohl wichtigste Argument gegen die Plausibilität von (2) und insoweit für den Kompatibilismus stammt von David Lewis (1986a; van Inwagen 2017b, 186--87). Die Negation von (2) impliziert strikt die These, dass es möglich ist, dass eine Person fähig ist, eine Handlung auszuführen, sodass, würde sie sie ausführen, ein Naturgesetz falsch wäre, d. h. gebrochen würde, oder die Vergangenheit falsch wäre, d. h. anders wäre.9 Zunächst mag es deshalb scheinen, dass eine Person, die (2) negiert, damit behauptet, wir könnten die Fähigkeit haben, die Naturgesetze zu brechen oder die Vergangenheit zu ändern -- eine absurd falsche Konsequenz. Es folgt, dass (2) wahr ist. So gesehen handelt es sich bei dem Argument um eine Reductio ad absurdum des Kompatibilismus (Lewis 1986a, 296).

Wie Lewis (1986a, 291--95) zeigt, muss allerdings zwischen einer starken und einer schwachen Version der These unterschieden werden, dass wir fähig sein können, so zu handeln, dass ein Naturgesetz gebrochen oder die Vergangenheit verändert wird. Während die starke These absurd ist, ist nur die schwache These eine Konsequenz des Kompatibilismus.

(Schwache These) : Eine Person kann fähig sein, etwas zu tun, sodass, wenn : sie es täte, ein Ereignis die Naturgesetze brechen oder die : Vergangenheit ändern würde.

(Starke These) : Eine Person kann fähig sein, etwas zu tun, sodass, wenn : sie es täte, ihre Handlung die Naturgesetze brechen oder die : Vergangenheit ändern würde.10

Um den Unterschied zu sehen, betrachten wir, was geschehen würde, würde J in van Inwagens Beispiel seine Hand heben, um die Hinrichtung zu verhindern, obwohl er dies prädeterminierterweise nicht tut. Würde er eine Handlung ausführen, die die Naturgesetze brechen würde, z. B. seine Hand schneller als Licht bewegen? Oder eine Handlung, die die Vergangenheit verändern würde, z. B. seinem früheren Selbst mitteilen, wie sehr er die Hinrichtung später bereuen würde? Nein; sowohl naheliegenderweise als auch nach Standardtheorien der Semantik subjunktivischer Aussagen würde in etwa Folgendes geschehen:11 Bevor J seine Hand heben würde, würde ein möglichst kleiner Naturgesetzbruch oder eine möglichst kleine Veränderung der gesamten Vergangenheit stattfinden, der oder die verursachen würde, dass J seine Hand hebt. Z. B. könnten naturgesetzwidrigerweise ein paar zusätzliche Neuronen in einer Ecke von Js Gehirn feuern, mit dem Ergebnis, dass J die Hand hebt (Lewis 1986b, 44, 1986a, 294--95). Js Handheben wäre aber weder selbst ein Naturgesetzbruch noch eine Vergangenheitsveränderung noch würde es etwas Derartiges verursachen. Deshalb gilt: Würde J unter deterministischen Bedingungen seine Hand heben, obwohl er das in Wirklichkeit nicht tut, würde er weder die Naturgesetze brechen noch die Vergangenheit verändern.

Wenn eine Kompatibilistin daher behauptet, J sei fähig, seine Hand zu heben, obwohl er dies prädeterminerterweise nicht tut, behauptet sie nicht zwingend, dass J fähig ist, eine Handlung auszuführen, die selbst die Naturgesetze brechen oder die Vergangenheit verändern würde -- sie behauptet nicht die Fähigkeit, die Naturgesetze zu brechen oder die Vergangenheit zu verändern. Alles, worauf sie verpflichtet ist, ist die schwache These, dass J eine Fähigkeit hat, sodass irgendein Naturgesetzbruch oder irgendeine Vergangenheitsveränderung stattfinden würde, würde er sie einsetzen.

Laut van Inwagen (2017c, 142) sind Lewis' Ausführungen vollkommen richtig. Er (2017c, 146--47) erwidert mit einem anderen Argument: Erstens ist es völlig plausibel, dass niemand die Fähigkeit haben kann, ein Wunder zu wirken. Zweitens schlägt van Inwagen eine Wunderdefinition vor, die zusammen mit der Negation von (2) strikt impliziert, dass jemand die Fähigkeit haben kann, ein Wunder zu vollbringen. Es folgt per Reductio, dass (2) wahr ist. Wie Adrian Kuźniar (2023) zeigt, hat van Inwagens nicht-stipulative Wunderdefinition allerdings ihre eigenen absurden Konsequenzen: Sie zählt Handlungen als Wunder, die offensichtlich nicht das Wirken eines Wunders sind. Stimmt das, ist seine Erwiderung unschlüssig, weil sie eine falsche Wunderdefinition zur Prämisse hat.

Wenn Lewis (1986a) in der Tat recht hat und van Inwagens (2017c) Erwiderung tatsächlich unschlüssig ist, stehen wir epistemisch letztlich vor der folgenden Alternative.12

Entweder (A) es ist unmöglich, dass eine Person fähig ist, so zu handeln, dass es prädeterminiert ist, dass sie nicht so handelt;

oder (B) es ist möglich, dass eine Person fähig ist, so zu handeln, dass, würde sie so handeln, die Naturgesetze gebrochen würden oder die Vergangenheit anders wäre.

Wir sollten uns entweder enthalten oder aber die Alternative wählen, die plausibler ist (van Inwagen 2017c, 146). Kompatibilisten wie Lewis meinen, dass die Freiheit unseres Willens selbst unter deterministischen Bedingungen so evident ist, dass wir uns für (A) und gegen (B) entscheiden sollten; (B) scheint zwar auch evident, aber nicht so evident wie (A). Inkompatibilisten hingegen meinen, dass es so evident ist, dass wir unmöglich fähig sind, so zu handeln, dass ein Naturgesetz gebrochen würde oder die Vergangenheit anders wäre, dass wir uns für (B) und gegen (A) entscheiden sollten; (A) scheint zwar ebenfalls evident, aber nicht so evident wie (B).13

Literaturangaben

Bennett, Jonathan. 2003. A Philosophical Guide to Conditionals. Oxford University Press.

Carnap, Rudolf. 1952. „Meaning Postulates“. Philosophical Studies 3 (5): 63--73.

Gupta, Anil, und Stephen Mackereth. 2023. „Definitions“. In The Stanford Encyclopedia of Philosophy, Fall 2023, herausgegeben von Edward Zalta und Uri Nodelman. URL: plato.stanford.edu/archives/fall2023/entries/definitions.

Van Inwagen, Peter. 1975. „The Incompatibility of Free Will and Determinism“. Philosophical Studies 27 (3): 185--99.

Van Inwagen, Peter. 1983. An Essay on Free Will. Clarendon Press.

Van Inwagen, Peter. 2017a. „Ability“. In Thinking about Free Will, von Peter van Inwagen. Cam-bridge University Press. DOI: 10.1017/9781316711101.

Van Inwagen, Peter. 2017b. „Author's Preface to the French Translation of An Essay on Free Will“. In Thinking about Free Will, von Peter van Inwagen. Cambridge University Press. DOI: 10.1017/9781316711101.

Van Inwagen, Peter. 2017c. „Freedom to Break the Laws“. In Thinking about Free Will, von Peter van Inwagen. Cambridge University Press. DOI: 10.1017/9781316711101.

Van Inwagen, Peter. 2017d. „How to Think about the Problem of Free Will“. In Thinking about Free Will, von Peter van Inwagen. Cambridge University Press. DOI: 10.1017/9781316711101.

Van Inwagen, Peter. 2017e. „Introduction: Van Inwagen on Free Will“. In Thinking about Free Will, von Peter van Inwagen. Cambridge University Press. DOI: 10.1017/9781316711101.

Van Inwagen, Peter. 2017f. „The Problem of Fr** W*ll“. In Thinking about Free Will, von Peter van Inwagen. Cambridge University Press. DOI: 10.1017/9781316711101.

Kuźniar, Adrian. 2023. „Are We Free to Work Miracles? On Peter van Inwagen's Concept of the Miraculous“. Religious Studies 59 (2): 252--60. DOI: 10.1017/S003441252200021X.

Lewis, David. 1986a. „Are We Free to Break the Laws?“ In Philosophical Papers, von David Lewis, Bd. 2. Oxford University Press. DOI: 10.1093/0195036468.003.0010.

Lewis, David. 1986b. „Counterfactual Dependence and Time's Arrow“. In Philosophical Papers, von David Lewis, Bd. 2. Oxford University Press. DOI: 10.1093/0195036468.003.0002.

O'Connor, Timothy, und Christopher Franklin. 2022. „Free Will“. In The Stanford Encyclopedia of Philosophy, Winter 2022, herausgegeben von Edward Zalta und Uri Nodelman. URL: plato.stanford.edu/archives/win2022/entries/freewill.

Vihvelin, Kadri. 2022. „Arguments for Incompatibilism“. In The Stanford Encyclopedia of Philosophy, Fall 2022, herausgegeben von Edward Zalta und Uri Nodelman. URL: plato.stanford.edu/archives/fall2022/entries/incompatibilism-arguments.

Williamson, Timothy. 2016. „Modal Science“. Canadian Journal of Philosophy 46 (4--5): 453--92. DOI: 10.1080/00455091.2016.1205851.


  1. Für weitere Argumente für den Inkompatibilismus, siehe Vihvelin (2022).

  2. Für frühere Darstellungen, siehe van Inwagen (1975; 1983, 68--78).

  3. Neben dem Verständnis von Willensfreiheit als Freiheit, anders zu handeln, gibt es insbesondere auch das Verständnis von Willensfreiheit als Urheberschaft, das bei van Inwagen aber keine Rolle spielt (O'Connor und Franklin 2022).

  4. Für Bedeutungen von ‚Fähigkeit‘, die für Willensfreiheit irrelevant sind, siehe van Inwagen (1983, 8--13).

  5. Dies entspricht der metaphysisch notwendigen Äquivalenz von [(FD)(FI)]\square\lbrack(\text{F}^{*} \land \text{D}^{*}) \rightarrow (\text{F}^{*} \land \text{I}^{*})\rbrack und [DI]\square\lbrack\text{D}^{*} \rightarrow \text{I}^{*}\rbrack.

  6. Dies entspricht der metaphysisch notwendigen Äquivalenz von

    ¬[F[(HV)¬G]]\neg\Diamond\lbrack\text{F}^{*} \land \square\lbrack(\text{H}^{*} \land \text{V}^{*}) \rightarrow \neg\text{G}^{*}\rbrack\rbrack und [[(GV)¬H]¬F]\square\lbrack\square\lbrack(\text{G}^{*} \land \text{V}^{*}) \rightarrow \neg\text{H}^{*}\rbrack \rightarrow \neg\text{F}^{*}\rbrack.

  7. Dies entspricht der metaphysisch notwendigen Äquivalenz von

    ¬[FD]\neg\Diamond\lbrack\text{F}^{*} \land \text{D}^{*}\rbrack und [D¬F]\square\lbrack\text{D}^{*} \rightarrow \neg\text{F}^{*}\rbrack.

  8. Man kann das Argument verallgemeinern, indem man über Zeiten, Personen, Handlungen und (in geeigneter Weise) über Naturgesetze und Vergangenheit allquantifiziert.

  9. Ich nehme hier an, dass das strikte das kontrafaktische Konditional strikt impliziert.

  10. Ich verändere Lewis' (1986a, 293) Thesen hier leicht und übertrage seine Argumentation bezüglich der Naturgesetze auf die Vergangenheit.

  11. Siehe, z. B., Bennett (2003).

  12. Ich ignoriere hier alle anderen als die rekonstruierten Argumente, die für oder gegen (A) oder (B) sprechen.

  13. Van Inwagen (2017e, 13--14) ist kein solcher Inkompatibilist; vielmehr ist seine Antwort auf die Frage, ob der freie Wille möglich ist, dass dies ein Mysterium ist, weil die Argumente für und gegen Willensfreiheit gleich plausibel schlüssig erscheinen.

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Elisabeth von der Pfalz (1618-1680) formuliert in ihren Briefen an René Descartes eine Version des Geist-Körper-Problems, das auf der Physik von Descartes beruht. Sie argumentiert gegen Descartes‘ Begriff der Seele: Unter der von ihr geteilten Annahme, dass die Seele die Bewegung des Körpers bestimmt, kann die Seele nicht unausgedehnt sein. Man kann das Argument als Reductio ad absurdum darstellen.

Bibliographische Angaben

Elisabeth von der Pfalz, „Brief an René Descartes, 16. Mai 1643“, in: René Descartes. Der Briefwechsel mit Elisabeth von der Pfalz. Französisch-Deutsch. Hg. V. Isabelle Wienand und Olivier Ribordy, Hamburg: Meiner 2015. Hier wird eine eigene Übersetzung verwendet.

Textstelle

In ihrem ersten Brief an René Descartes (1596-1650) vom 16. Mai 1643 schreibt Elisabeth von der Pfalz (1618-1680):

Original Französisch

en vous priant de me dire comment l’âme de l’homme peut déterminer les esprits du corps, pour faire les actions volontaires (n’étant qu’une substance pensante). Car il semble que toute détermination de mouvement se fait par la pulsion de la chose mue, à manière dont elle est poussée par celle qui la meut, ou bien de la qualification et figure de la superficie de cette dernière. L’attouchement est requis aux deux premières conditions, et l’extension à la troisième. Vous excluez entièrement celle-ci de la notion que vous avez de l’âme, et celui-là me paraît incompatible avec une chose immatérielle.

Übersetzung (durch JP)

Ich bitte Sie, mir zu erklären, wie die Seele des Menschen die Lebensgeister des Körpers bestimmen kann, um willentliche Handlungen auszuführen, da sie doch nur eine denkende Substanz ist. Denn es scheint, dass jede Bestimmung der Bewegung entweder durch den Anstoß der bewegten Sache erfolgt, in der Weise, wie sie von der bewegenden angestoßen wird, oder aber durch die Beschaffenheit und Gestalt der Oberfläche der letzteren. Für die ersten beiden Bedingungen ist Berührung erforderlich, für die dritte die Ausdehnung. Sie schließen letztere vollständig aus Ihrem Begriff der Seele aus, und ersteres scheint mir mit einer immateriellen Sache unvereinbar zu sein.

Argumentrekonstruktion

Das Argument kann wie folgt als eine Reductio ad absurdum rekonstruiert werden:

(1) Die Seele ist eine denkende, nicht-ausgedehnte, immaterielle Substanz. (Annahme)
(2) Die Seele bestimmt die Bewegung des Körpers, um willentliche Handlungen auszuführen.
(3) Jede Bestimmung der Bewegung des Körpers geschieht entweder a) durch den Anstoß der bewegten Sache, entsprechend der Weise, wie sie von der bewegenden angestoßen wird, oder b) durch die Beschaffenheit und die Gestalt der Oberfläche der bewegten Sache.
(4) Für Bewegung durch a) ist Berührung erforderlich.
(5) Berührung ist mit einer immateriellen Sache unvereinbar, d.h.: Wenn eine Bewegung Berührung erfordert und die Seele eine denkende, nicht-ausgedehnte, immaterielle Substanz ist, dann kann die Seele nicht die Bewegung bestimmen.
(6) Für Bewegung durch b) ist Ausdehnung erforderlich.
(7) Der Begriff der Seele schließt Ausdehnung aus, d.h.: Wenn eine Bewegung Ausdehnung erfordert und die Seele eine denkende, nicht-ausgedehnte, immaterielle Substanz ist, dann kann die Seele nicht die Bewegung bestimmen.

Daraus folgt:

(8) Die Seele kann keine Bewegung des Körpers bestimmen. (Aus 1, 3, 4, 5, 6, und 7)
(9) Die Seele bestimmt die Bewegung des Körpers, und die Seele bestimmt nicht die Bewegung des Körpers. (aus 2 und 8) Widerspruch!

Daraus folgt:

(10) Die Annahme 1 ist falsch: Die Seele ist nicht eine denkende, nicht-ausgedehnte, immaterielle Substanz. (Reductio ad absurdum)

Kommentar

Prämisse 1 ist Descartes’ Definition des Begriffs der Seele: Im Unterschied zum Körper, der ausgedehnten Substanz (res extensa), ist die Seele, die denkende Substanz (res cogitans), nicht-ausgedehnt. Unter einer Substanz versteht Descartes etwas, das unabhängig von anderem existieren kann. Elisabeth übernimmt diese Definition als Annahme, um sie per Reductio as absurdum zurückzuweisen.

Prämisse 2 ist eine weitere Annahme von Descartes, die Elisabeth allerdings teilt. Sie ist der Auffassung, dass die Seele den Körper bewegt. Sie schreibt zum Beispiel in ihrem Brief vom 1. Juli 1643: „Ich finde auch, dass mir die Sinne zeigen, dass die Seele den Körper bewegt.“ Elisabeth möchte von Descartes wissen, wie es möglich ist, dass die Seele dies nach seinem Begriff davon vermag. Welchen Begriff Elisabeth hat, ist nicht so leicht zu bestimmen (siehe dazu u.a. Tollefsen 1999; Shapiro 1999; und zusammenfassend Shapiro 2021). Es ist umstritten, ob sie der Seele Ausdehnung zuschreibt, oder ob sie es zulässt, dass es eine noch nicht entdeckte Möglichkeit der Beeinflussung durch die nicht-ausgedehnte Seele gibt. In ihrem Brief vom 20. Juni 1943, der eine Antwort auf Descartes’ Lösung auf das von ihr gestellte Problem in ihrem ersten Brief ist, die sie offensichtlich unbefriedigt zurücklässt, schreibt Elisabeth einerseits: „Und ich gestehe, dass es mir leichter fallen würde, der Seele Materie und Ausdehnung zuzugestehen, als einem immateriellen Wesen die Fähigkeit, einen Körper zu bewegen und von ihm bewegt zu werden.“ Andererseits stellt sie Descartes immer wieder die Frage nach der Möglichkeit der Beeinflussung durch eine immaterielle Seele, so als würde sie eine solche Möglichkeit nicht ausschließen wollen. In ihrem Brief vom 1. Juli 1643 schreibt sie: „Ich finde auch, dass mir die Sinne zeigen, dass die Seele den Körper bewegt, aber sie lehren mich ebenso wenig (wie der Verstand und die Einbildungskraft) die Art und Weise, wie sie es tut. Und deshalb denke ich, dass es Eigenschaften der Seele gibt, die uns unbekannt sind und die vielleicht das umstoßen könnten, was mich Ihre Meditationen über die Erste Philosophie mit so guten Gründen von der Unausgedehntheit der Seele überzeugt haben.“ Noch eine Bemerkung zur Formulierung der Prämisse 2: Der Begriff der „Lebensgeister“ (esprits du corps) wurde weggelassen, um der Frage aus dem Weg zu gehen, was diesen entspricht.

Prämisse 3 entspricht der Physik der damaligen Zeit. Elisabeth hat Descartes’ Theorie der Bewegung in La Dioptrique (als Anhang zum Discours de la méthode 1637 publiziert) genau gelesen und wendet sie hier an: die Bestimmung der Bewegung (détermination de mouvement) hängt laut Descartes genau vom Anstoß oder der Beschaffenheit und die Gestalt der Oberfläche der bewegten Sache ab (Tollefsen 1999: 62-64).

Formale Detailanalyse

Das Argument lässt sich wie folgt formalisieren:

Abkürzungsverzeichnis

p: Die Seele ist eine denkende, immaterielle, nicht-ausgedehnte Substanz.
q: Die Seele bestimmt die Bewegung des Körpers, um willentliche Handlungen auszuführen.
r: Die Bewegung einer Sache wird durch Anstoß einer bewegenden Sache bestimmt.
s: Die Bewegung einer Sache wird durch die Beschaffenheit und Gestalt ihrer Oberfläche bestimmt.
t: Für die Bewegung ist Berührung erforderlich.
u: Für die Bewegung ist Ausdehnung erforderlich.

Argument

(1) p
(2) q
(3) r ∨ s
(4) r → t
(5) (p ∧ t) → ¬q
(6) s → u
(7) (p ∧ u) → ¬q

(8) ¬q (aus 1, 3, 4, 5, 6, 7)
(9) q ∧ ¬q (aus 2, 8)

(10) ¬p (per Reductio ad absurdum)

Literaturangaben

  • Shapiro, Lisa, 1999, “Princess Elizabeth and Descartes: The Union of Mind and Body and the Practice of Philosophy,”British Journal for the History of Philosophy, 7(3): 503–20.
  • Shapiro, Lisa, 2021, "Elisabeth, Princess of Bohemia", The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Fall 2021 Edition), Edward N. Zalta (ed.), URL = https://plato.stanford.edu/entries/elisabeth-bohemia/.
  • Tollefsen, Deborah, 1999, “Princess Elisabeth and the Problem of Mind-Body Interaction,” Hypatia, 14(3): 59–77.

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Epikur (fl. 300 v.Chr.) argumentierte dafür, dass Gott nicht fürsorglich ist, daher, dass es Übel in der Welt gibt und Gott sie beseitigen könnte. Das ist uns durch Laktanz (fl. 300 n.Chr.) überliefert worden. Epikur begründete somit eine Lösung des Theodizee-Problems, wie es einen perfekten Gott geben kann, wo es doch Leid in der Welt gibt. Epikurs Argument wird im Folgenden informell mit zusätzlichen Zwischenkonklusionen rekonstruiert. Dem Kommentar folgt eine aussagenlogische Formalisierung. Obwohl Laktanz das Argument bereits klar und einfach wiedergegeben hat, ist es vorteilhaft, das Argument detailliert zu rekonstruieren. Einer der Vorteile ist, dass sich verschiedene Lösungen des Theodizee-Problems aufs rekonstruierte Argument beziehen lassen.

Bibliographische Angaben

Lactantius, De ira dei 13,20–22.

Textstelle

Laktanz schreibt (a. a. O., 13,20–22; meine Übersetzung):

LateinDeutsch
[1] quod si haec ratio vera est, quam Stoici nullo modo videre potuerunt, dissolvitur etiam illud argumentum Epicuri.[1] Wenn dieser Grund wahr ist, den die Stoiker auf keine Weise sehen konnten, dann ist auch folgendes Argument Epikurs entkräftet.
[2] „deus“ inquit „aut vult tollere mala et non potest aut potest et non vult aut neque vult neque potest aut et vult et potest.[2] „Gott“, sagt er, „will entweder die Übel beseitigen und kann es nicht, oder er kann es und will nicht, oder weder will noch kann er es, oder sowohl will als auch kann er es.
[3] si vult et non potest, inbellicus est, quod in deum non cadit;[3] Wenn er es will und nicht kann, dann ist er schwach. Das trifft auf Gott nicht zu.
[4] si potest et non vult, invidus, quod aeque alienum est a deo;[4] Wenn er es kann und nicht will, ist er nicht fürsorglich. Auch das liegt Gott fern.
[5] si neque vult neque potest, et invidus et inbellicus est ideoque nec deus;[5] Wenn er es weder will noch kann, ist er sowohl nicht fürsorglich als auch schwach und daher nicht Gott.
[6] si et vult et potest, quod solum deo convenit, unde ergo sunt mala aut cur illa non tollit? “[6] Wenn er es sowohl will als auch kann – das allein passt zu Gott –, woher kommen dann bitte die Übel bzw. weshalb beseitigt er sie nicht? “
[7] scio plerosque philosophorum qui providentiam defendunt, hoc argumento perturbari solere et invitos paene adigi ut deum nihil curare fateantur, quod maxime quaerit Epicurus.[7] Ich weiß, dass die meisten der Philosophen, die Gottes Fürsorge verteidigen, von diesem Argument für gewöhnlich ganz durcheinandergebracht werden und sich wider Willen fast dazu drängen lassen zuzugeben, dass Gott nicht fürsorglich ist – worauf Epikur vor allem abzielt.

Argumentrekonstruktion

Das bloße Argument, das Epikur vorzubringen scheint, rekonstruiere ich mit sieben Prämissen und der Konklusion, dass Gott nicht fürsorglich ist. (Die rechte Spalte verweist auf die jeweiligen Sätze in der oben zitierten Textstelle.)

P1:Entweder will Gott die Übel beseitigen, aber kann nicht, oder er kann es, aber will nicht, oder er will es nicht und kann es nicht, oder er will und kann es.[2]
P2:Wenn Gott die Übel beseitigen will, aber nicht kann, dann ist er schwach.[3]
P3:Es ist nicht so, dass Gott schwach ist.[3]
P4:Wenn Gott die Übel beseitigen kann, aber nicht will, dann ist er nicht fürsorglich.[4]
P5:Wenn Gott die Übel nicht beseitigen will und nicht kann, dann ist er sowohl nicht fürsorglich als auch schwach.[5]
P6:Wenn Gott die Übel beseitigen will und kann, dann gibt es keine Übel.[6, impl]
P7:Es ist nicht so, dass es keine Übel gibt.[6, impl]
K:Gott ist nicht fürsorglich. (AL: P1–P7)[7]

Mittels zusätzlichen Zwischenkonklusionen und der Angabe von Schlussregeln will ich nun leichter erkennen lassen, dass die Konklusion deduktiv gültig aus den Prämissen folgt. Für einen besseren Flow schiebe ich die vierte Prämisse ans Ende.

P1:Entweder will Gott die Übel beseitigen, aber kann nicht, oder er kann es, aber will nicht, oder er will es nicht und kann es nicht, oder er will und kann es.[2]
P2:Wenn Gott die Übel beseitigen will, aber nicht kann, dann ist er schwach.[3]
P3:Es ist nicht so, dass Gott schwach ist.[3]
Z1:Es ist nicht so, dass Gott die Übel beseitigen will, aber nicht kann. (m.t.: P2, P3)[impl]
Z2:Entweder kann Gott die Übel beseitigen, aber will nicht, oder er will es nicht und kann es nicht, oder er will und kann es. (DS: P1, Z1)[impl]
Z3:Es ist nicht so, dass Gott sowohl nicht fürsorglich ist als auch schwach. (AL: P3)[impl]
P5:Wenn Gott die Übel nicht beseitigen will und nicht kann, dann ist er sowohl nicht fürsorglich als auch schwach.[5]
Z4:Es ist nicht so, dass Gott die Übel nicht beseitigen will und nicht kann. (m.t.: Z3, P5)[impl]
Z5:Entweder kann Gott die Übel beseitigen, aber will nicht, oder er will und kann es. (DS: Z2, Z4)[impl]
P6:Wenn Gott die Übel beseitigen will und kann, dann gibt es keine Übel.[6, impl]
P7:Es ist nicht so, dass es keine Übel gibt.[6, impl]
Z6:Es ist nicht so, dass Gott die Übel beseitigen will und kann. (m.t.: P6, P7)[impl]
Z7:Gott kann die Übel beseitigen, aber will nicht. (DS: Z5, Z6)[impl]
P4:Wenn Gott die Übel beseitigen kann, aber nicht will, dann ist er nicht fürsorglich.[4]
K:Gott ist nicht fürsorglich. (m.p.: Z7, P4)[7]

Kommentar

Was ist dieser Grund, auf den Laktanz zu Beginn unserer Textstelle zurückweist? Zuvor (a. a. O., 12,5–13,19) ist Laktanz der Frage nachgegangen, weshalb Gott die Welt geschaffen habe. Er befürwortet die Auffassung der Stoiker, dass Gott die Welt für uns Menschen geschaffen hat. Immerhin lasse sich feststellen, dass alles in der Welt uns irgendwie nützt. Dann diskutiert er den Einwand der Akademiker, dass es Übel in der Welt gibt, die uns schaden. Er verwirft die Entgegnung der Stoiker, wir würden den Nutzen dieser Übel nur noch nicht kennen, es würde ihn aber geben. Stattdessen sei so zu begründen: Es gibt Übel in der Welt, weil Gott die Menschen wie ein Abbild von sich und somit mit Vernunft begabt geschaffen hat; doch es kann niemand mit Vernunft begabt sein, ohne dass es Güter und Übel in der Welt gibt, die er mittels seiner Vernunft unterscheiden kann. Das ist der Grund, von dem Laktanz sagt, er sei den Stoikern entgangen.

Die erste bemerkenswerte Schwierigkeit daran, Epikurs1 Argument zu rekonstruieren, mag darin bestehen, dessen Konklusion zu identifizieren. Denn das Zitat, auf das Laktanz mit „folgendes Argument Epikurs“ [1] vorverweist und mit „von diesem Argument“ [7] zurückweist, scheint keine Konklusion zu nennen, für die Epikur argumentiert. Vielmehr deutet sich im Zitat ein Oktalemma an: acht Aussagen, von denen jede für sich betrachtet wahr zu sein scheint, die aber nicht zusammen wahr sein können. Denn neben unseren Prämissen P1–P7 findet sich die Aussage, dass Gott fürsorglich ist [4; vgl. 5 & 6]. Das ist aber das kontradiktorische Gegenteil unser Konklusion K, die deduktiv gültig aus den Prämissen folgt. Wir müssen über das Zitat hinauslesen, um von Laktanz zu erfahren, dass Epikur dafür argumentiert hat, dass Gott nicht fürsorglich ist [7].

Ist die Konklusion erst einmal identifiziert, lässt sich Epikurs Argument leichter rekonstruieren. Die Aussage, dass Gott fürsorglich ist [4; vgl. 5 & 6], dürfen wir wohlwollend als Prämisse ausschließen. (Epikur wird ja nichts Widersprüchliches behaupten wollen.) Während sich die Prämissen P1–P5 ohne nennenswerte Schwierigkeiten rekonstruieren lassen [2–5], wirft das Ende des Zitats ein Problem auf [6]. Hier wird nämlich eine Frage formuliert, jedoch keine Behauptung. Nun versuchen wir aber, wohlwollend ein gültiges Argument zu rekonstruieren; und indem wir die Prämissen P6 und P7 ergänzen, resultiert ein gültiges Argument. Somit sind wir darin gerechtfertigt, die Frage als rhetorische zu interpretieren: Indirekt wird zweierlei behauptet, nämlich die Prämissen P6 und P7.

Eine letzte Schwierigkeit, die wert ist erwähnt zu werden, betrifft meine vereinheitlichende Übersetzung von „invidus esse“ [4 & 5], „nihil curare“ und „providentia“ [7] durch „nicht fürsorglich sein“ bzw. „Fürsorge“. Auf dem Spektrum: jemandem Schlechtes zu wollen (links), weder Gutes noch Schlechtes zu wollen (Mitte) und nur Gutes zu wollen (rechts), ist „invidus esse“ eher dem linken Spektrum zuzuordnen, „nihil curare“ der Mitte und „providentia“ dem rechten Spektrum. Deshalb könnte man die Übersetzung der ersten beiden Phrasen durch „nicht fürsorglich sein“ (links oder Mitte) für unangemessen halten. Ich habe mir diese Übersetzungsfreiheit jedoch zugunsten einer wohlwollenden Rekonstruktion genommen. Nicht nur legt sich Epikur mit P4, P5 und K auf schwächere Thesen fest. Erst auf diese Weise resultiert ein gültiges Argument. Zudem wäre es nicht akkurat, Epikur die Konklusion zu unterstellen, dass Gott missgünstig ist. Immerhin war Epikur der Ansicht, dass es seelenruhige Götter gibt, die sich weder ums Weltgeschehen kümmern noch sich daran beteiligen.2

Die Rekonstruktion mittels Zwischenkonklusionen kommt hauptsächlich mit der Angabe der Schlussregeln modus ponens (m.p.), modus tollens (m.t.) und dem disjunktiven modus tollendo ponens (DS) aus. Die einzelnen Schlüsse will ich hier nicht länger erläutern. Allein: Ich sollte den Kommentar „AL“ an der Zwischenkonklusion Z3 erklären. Dahinter steckt die aussagenlogisch gültige Schlussregel: Daraus, dass es nicht so ist, dass A, darf darauf geschlossen werden, dass es nicht so ist, dass B und A. (Ist ein Konjunkt bereits falsch, dann auch die ganze Konjunktion.) Setzen wir für „A“ ein „Gott ist schwach“ und für „B“ „Gott ist nicht fürsorglich“, erhalten wir die relevante Instanz: Daraus, dass es nicht so ist, dass Gott schwach ist (P3), darf darauf geschlossen werden, dass es nicht so ist, dass Gott sowohl nicht fürsorglich ist als auch schwach (Z3). Dass nur aussagenlogisch gültige Schlussregeln benötigt werden, zeigt, dass das Argument aussagenlogisch gültig ist.

Es lassen sich verschiedene Lösungen des Theodizee-Problems auf unser rekonstruiertes Argument beziehen. Ich will einige beispielhaft nennen. Atheisten, die behaupten, dass es keinen Gott gibt, werden etwas an den Prämissen P1–P6 und der Konklusion auszusetzen haben. So werden sie in der Regel behaupten, der Ausdruck „Gott“ sei, wie er hier gebraucht wird, ein leerer singulärer Term (ein singulärer Term, der nichts bezeichnet). Je nach dem, welche freie Logik sie heranziehen, werden sie manche oder alle der gen. Aussagen für falsch oder zumindest für nicht wahr halten. Hans Jonas würde die dritte Prämisse angreifen, denn: Gott ist nicht allmächtig. Stoiker würden die vierte Prämisse ablehnen: Die Übel haben einen uns (noch) verborgenen Nutzen. Auch Alvin Plantingas Free-Will-Defence würde dort seinen Hebel ansetzen. Leibniz würde gegen die fünfte Prämisse einwenden: Gott hat – allgütig wie er ist, konnte und wollte er nicht anders – bereits die beste aller möglichen Welten geschaffen. Und Spinoza würde zwar Epikur zustimmen, dass Gott nicht fürsorglich ist, aber das Argument für nicht beweiskräftig halten, denn contra P5: Notwendigerweise ist alles, wie es ist, kraft der Macht Gottes.

Kommen wir zu guter Letzt zurück zu Laktanz. Wie entkräftet er nun eigentlich Epikurs Argument? Furchtlos blickt er auf die vierte Prämisse und schreibt (a. a. O., 13,22–23; meine Übersetzung): „Da wir aber den Grund erkannt haben, entkräften wir dieses furchterregende Argument mit Leichtigkeit. Gott kann nämlich tun, was auch immer er will, und weder ist Schwäche in ihm noch ist er ohne Fürsorge. Also kann er die Übel beseitigen, will es aber nicht. Darum ist es trotzdem nicht so, dass er nicht fürsorglich ist. Denn er beseitigt die Übel deshalb nicht, weil er zugleich, wie ich gezeigt habe, Vernunft verliehen hat und mehr des Guten und der Annehmlichkeit in der Vernunft liegt als Unannehmlichkeiten in den Übeln“.

Aussagenlogische Formalisierung

Ich gebrauche eine übliche aussagenlogische Sprache. Atomare Formeln seien: „p“, „q“, „r“, „s“ und „t“. Einfache Aussagen, die im Argument vorkommen, werden gemäß dieser Legende durch eine atomare Formel formalisiert.

  • p: Gott will die Übel beseitigen
  • s: Gott ist schwach
  • q: Gott kann die Übel beseitigen
  • t: Es gibt Übel
  • r: Gott ist fürsorglich

Auf dieser Grundlage formalisiere ich das Argument so.

F.P1:(p¬q)((q¬p)((¬p¬q)(pq)))(p \land \lnot q) \lor ((q \land \lnot p) \lor ((\lnot p \land \lnot q) \lor (p \land q)))
F.P2:(p¬q)s(p \land \lnot q) \rightarrow s
F.P3:¬s\lnot s
F.P4:(q¬p)¬r(q \land \lnot p) \lor \lnot r
F.P5:(¬p¬q)(¬rs)(\lnot p \land \lnot q) \lor (\lnot r \land s)
F.P6:(pq)¬t(p \land q) \lor \lnot t
F.P7:¬¬t\lnot \lnot t
F.K:¬r\lnot r (AL: P1–P7)

Mittels Wahrheitstabelle, Tableau oder Herleitung lässt sich nun beweisen, dass F.K aus der Menge der formalisierten Prämissen F.P1–F.P7 aussagenlogisch folgt. Aber das spare ich uns. Die Wahrheitstabelle hat 32 Zeilen, das Tableau passt auch kaum auf eine Seite und eine Herleitung im Kalkül des natürlichen Schließens ist so nah an der Rekonstruktion inkl. Zwischenkonklusionen, dass sie nichts wirklich Neues bringt.

Literaturangaben

Glei, Reinhold: Et invidus et inbellicus. Das angebliche Epikurfragment bei Laktanz, De ira Dei 13,20–21, in: Vigiliae Christianae 42,1 (1988) 47–58.

Jonas, Hans: Der Gottesbeweis nach Auschwitz. Eine jüdische Stimme, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1992.

Lactantius: De ira Dei liber. Vom Zorne Gottes, eingeleitet, herausgegeben, übertragen und erläutert von H. Kraft und A. Wlosok, Darmstadt: WBG, 1971.

Leibniz, Gottfried Wilhelm: Essais de Theodicée sur la bonté de Dieu, la liberté de l’homme et l’origine du mal, Amsterdam 1710.

Plantinga, Alvin: God, Freedom, and Evil, Grand Rapids/Michigan: Eerdmans, 1977.

Spinoza, Baruch de: Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt. Neu übersetzt, herausgegeben, mit einer Einleitung versehen von Wolfgang Bartuschat, Hamburg: Meiner, 2015.


  1. Epikurs Urheberschaft ist umstritten. S. Glei 1988.
  2. Für Belege s. Glei 1988.

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Nozicks "Experience Machine" ist ein berühmtes Gedankenexperiment, in dem man die Wahl hat, sich an eine Maschine anzuschließen, um darin simulierte Glückserfahrungen zu machen. Es soll zeigen, dass sich niemand an eine solche Maschine anschließen würde und deshalb der Hedonismus falsch ist.

Bibliographische Angaben

Robert Nozick, Anarchy, State, and Utopia. New York: Basic Books, 1974.

Textstelle

Nozick beschreibt die "Experience Machine" folgendermaßen:

Suppose there were an experience machine that would give you any experience you desired. Superduper neuropsychologists could stimulate your brain so that you would think and feel you were writing a great novel, or making a friend, or reading an interesting book. All the time you would be floating in a tank, with electrodes attached to your brain. (Nozick, a.a.O., S. 42f.)

Argumentrekonstruktion

Nozicks Gedankenexperiment lässt sich als vierstufige Argumentation mit zwei Zwischenkonklusionen sowie der zu begründenden finalen Konklusion rekonstruieren.

  1. (Prämisse) Die Mehrheit der Menschen würde sich nicht an die “Experience Machine” anschließen.
  2. (Schluss auf die beste Erklärung) Wenn sich die Mehrheit der Menschen nicht an die “Experience Machine” anschließen würde, dann hält die Mehrheit der Menschen nicht nur Glückserfahrungen (pleasure) für intrinsisch wertvoll.
  3. (Konklusion aus 1-2) Die Mehrheit der Menschen hält nicht nur Glückserfahrungen für intrinsisch wertvoll.
  4. (Prämisse) Es ist nicht der Fall, dass sich die Mehrheit der Menschen in moralischen Fragen dieser Art irrt.
  5. (Konklusion aus 3-4) Es ist nicht der Fall, dass Glückserfahrungen der einzige intrinsische Wert sind.
  6. (Prämisse) Wenn der Hedonismus richtig ist, dann sind Glückserfahrungen der einzige intrinsische Wert.
  7. (Konklusion aus 5-6) Der Hedonismus ist falsch.

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Literaturangaben