Bibliographische Angaben
Elisabeth von der Pfalz, „Brief an René Descartes, 16. Mai 1643“, in: René Descartes. Der Briefwechsel mit Elisabeth von der Pfalz. Französisch-Deutsch. Hg. V. Isabelle Wienand und Olivier Ribordy, Hamburg: Meiner 2015. Hier wird eine eigene Übersetzung verwendet.
Textstelle
In ihrem ersten Brief an René Descartes (1596-1650) vom 16. Mai 1643 schreibt Elisabeth von der Pfalz (1618-1680):
Original Französisch
en vous priant de me dire comment l’âme de l’homme peut déterminer les esprits du corps, pour faire les actions volontaires (n’étant qu’une substance pensante). Car il semble que toute détermination de mouvement se fait par la pulsion de la chose mue, à manière dont elle est poussée par celle qui la meut, ou bien de la qualification et figure de la superficie de cette dernière. L’attouchement est requis aux deux premières conditions, et l’extension à la troisième. Vous excluez entièrement celle-ci de la notion que vous avez de l’âme, et celui-là me paraît incompatible avec une chose immatérielle.
Übersetzung (durch JP)
Ich bitte Sie, mir zu erklären, wie die Seele des Menschen die Lebensgeister des Körpers bestimmen kann, um willentliche Handlungen auszuführen, da sie doch nur eine denkende Substanz ist. Denn es scheint, dass jede Bestimmung der Bewegung entweder durch den Anstoß der bewegten Sache erfolgt, in der Weise, wie sie von der bewegenden angestoßen wird, oder aber durch die Beschaffenheit und Gestalt der Oberfläche der letzteren. Für die ersten beiden Bedingungen ist Berührung erforderlich, für die dritte die Ausdehnung. Sie schließen letztere vollständig aus Ihrem Begriff der Seele aus, und ersteres scheint mir mit einer immateriellen Sache unvereinbar zu sein.
Argumentrekonstruktion
Das Argument kann wie folgt als eine Reductio ad absurdum rekonstruiert werden:
(1) Die Seele ist eine denkende, nicht-ausgedehnte, immaterielle Substanz. (Annahme) (2) Die Seele bestimmt die Bewegung des Körpers, um willentliche Handlungen auszuführen. (3) Jede Bestimmung der Bewegung des Körpers geschieht entweder a) durch den Anstoß der bewegten Sache, entsprechend der Weise, wie sie von der bewegenden angestoßen wird, oder b) durch die Beschaffenheit und die Gestalt der Oberfläche der bewegten Sache. (4) Für Bewegung durch a) ist Berührung erforderlich. (5) Berührung ist mit einer immateriellen Sache unvereinbar, d.h.: Wenn eine Bewegung Berührung erfordert und die Seele eine denkende, nicht-ausgedehnte, immaterielle Substanz ist, dann kann die Seele nicht die Bewegung bestimmen. (6) Für Bewegung durch b) ist Ausdehnung erforderlich. (7) Der Begriff der Seele schließt Ausdehnung aus, d.h.: Wenn eine Bewegung Ausdehnung erfordert und die Seele eine denkende, nicht-ausgedehnte, immaterielle Substanz ist, dann kann die Seele nicht die Bewegung bestimmen.
Daraus folgt:
(8) Die Seele kann keine Bewegung des Körpers bestimmen. (Aus 1, 3, 4, 5, 6, und 7) (9) Die Seele bestimmt die Bewegung des Körpers, und die Seele bestimmt nicht die Bewegung des Körpers. (aus 2 und 8) Widerspruch!
Daraus folgt:
(10) Die Annahme 1 ist falsch: Die Seele ist nicht eine denkende, nicht-ausgedehnte, immaterielle Substanz. (Reductio ad absurdum)
Kommentar
Prämisse 1 ist Descartes’ Definition des Begriffs der Seele: Im Unterschied zum Körper, der ausgedehnten Substanz (res extensa), ist die Seele, die denkende Substanz (res cogitans), nicht-ausgedehnt. Unter einer Substanz versteht Descartes etwas, das unabhängig von anderem existieren kann. Elisabeth übernimmt diese Definition als Annahme, um sie per Reductio as absurdum zurückzuweisen.
Prämisse 2 ist eine weitere Annahme von Descartes, die Elisabeth allerdings teilt. Sie ist der Auffassung, dass die Seele den Körper bewegt. Sie schreibt zum Beispiel in ihrem Brief vom 1. Juli 1643: „Ich finde auch, dass mir die Sinne zeigen, dass die Seele den Körper bewegt.“ Elisabeth möchte von Descartes wissen, wie es möglich ist, dass die Seele dies nach seinem Begriff davon vermag. Welchen Begriff Elisabeth hat, ist nicht so leicht zu bestimmen (siehe dazu u.a. Tollefsen 1999; Shapiro 1999; und zusammenfassend Shapiro 2021). Es ist umstritten, ob sie der Seele Ausdehnung zuschreibt, oder ob sie es zulässt, dass es eine noch nicht entdeckte Möglichkeit der Beeinflussung durch die nicht-ausgedehnte Seele gibt. In ihrem Brief vom 20. Juni 1943, der eine Antwort auf Descartes’ Lösung auf das von ihr gestellte Problem in ihrem ersten Brief ist, die sie offensichtlich unbefriedigt zurücklässt, schreibt Elisabeth einerseits: „Und ich gestehe, dass es mir leichter fallen würde, der Seele Materie und Ausdehnung zuzugestehen, als einem immateriellen Wesen die Fähigkeit, einen Körper zu bewegen und von ihm bewegt zu werden.“ Andererseits stellt sie Descartes immer wieder die Frage nach der Möglichkeit der Beeinflussung durch eine immaterielle Seele, so als würde sie eine solche Möglichkeit nicht ausschließen wollen. In ihrem Brief vom 1. Juli 1643 schreibt sie: „Ich finde auch, dass mir die Sinne zeigen, dass die Seele den Körper bewegt, aber sie lehren mich ebenso wenig (wie der Verstand und die Einbildungskraft) die Art und Weise, wie sie es tut. Und deshalb denke ich, dass es Eigenschaften der Seele gibt, die uns unbekannt sind und die vielleicht das umstoßen könnten, was mich Ihre Meditationen über die Erste Philosophie mit so guten Gründen von der Unausgedehntheit der Seele überzeugt haben.“ Noch eine Bemerkung zur Formulierung der Prämisse 2: Der Begriff der „Lebensgeister“ (esprits du corps) wurde weggelassen, um der Frage aus dem Weg zu gehen, was diesen entspricht.
Prämisse 3 entspricht der Physik der damaligen Zeit. Elisabeth hat Descartes’ Theorie der Bewegung in La Dioptrique (als Anhang zum Discours de la méthode 1637 publiziert) genau gelesen und wendet sie hier an: die Bestimmung der Bewegung (détermination de mouvement) hängt laut Descartes genau vom Anstoß oder der Beschaffenheit und die Gestalt der Oberfläche der bewegten Sache ab (Tollefsen 1999: 62-64).
Formale Detailanalyse
Das Argument lässt sich wie folgt formalisieren:
Abkürzungsverzeichnis
p: Die Seele ist eine denkende, immaterielle, nicht-ausgedehnte Substanz. q: Die Seele bestimmt die Bewegung des Körpers, um willentliche Handlungen auszuführen. r: Die Bewegung einer Sache wird durch Anstoß einer bewegenden Sache bestimmt. s: Die Bewegung einer Sache wird durch die Beschaffenheit und Gestalt ihrer Oberfläche bestimmt. t: Für die Bewegung ist Berührung erforderlich. u: Für die Bewegung ist Ausdehnung erforderlich.
Argument
(1) p (2) q (3) r ∨ s (4) r → t (5) (p ∧ t) → ¬q (6) s → u (7) (p ∧ u) → ¬q ⊢ (8) ¬q (aus 1, 3, 4, 5, 6, 7) (9) q ∧ ¬q (aus 2, 8) ⊢ (10) ¬p (per Reductio ad absurdum)
Literaturangaben
- Shapiro, Lisa, 1999, “Princess Elizabeth and Descartes: The Union of Mind and Body and the Practice of Philosophy,”British Journal for the History of Philosophy, 7(3): 503–20.
- Shapiro, Lisa, 2021, "Elisabeth, Princess of Bohemia", The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Fall 2021 Edition), Edward N. Zalta (ed.), URL = https://plato.stanford.edu/entries/elisabeth-bohemia/.
- Tollefsen, Deborah, 1999, “Princess Elisabeth and the Problem of Mind-Body Interaction,” Hypatia, 14(3): 59–77.